Vor Icaro Zorbar ist kein Apparat sicher! Die Kunsthalle zeigt „Verweile doch (ein Abgesang)”, eine Maschinenschau der anderen Art im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „Danse macabre“.

Die Zeit erscheint wie angehalten im ehemaligen Kirchenraum, in dem nur der Staub tanzt, und die perforierte Pappe vor den Fenstern geheimnisvolle Schatten an die Wände wirft.
Beweis dafür, dass die Stunden selbst hier weiterlaufen, ist die sich quälend-langsam drehende Schallplatte im Gang des Kirchenschiffes. Nur von einer einzigen Lampe beleuchtet knirscht und knarzt der manipulierte Plattenspieler stetig voran, die Holzkohlesplitter auf der Scheibe glänzen matt im Licht.

»Der Grundcharakter aller Dinge ist Vergänglichkeit: Wir sehn in der Natur alles, vom Metall bis zum Organismus, teils durch „sein Dasein selbst, teils durch den Konflikt mit anderem, sich aufreiben und verzehren.«
Arthur Schopenhauer

Zeit scheint in diesem Raum zu verschwinden wie Staubkörner, die aus einer Lichtquelle treten, und doch bildet sie eine ständig fortlaufende Präsenz.

Icaro Zorbar | Foto: Angela von Brill

Icaro Zorbar heißt der Künstler, der in der Kunsthalle Osnabrück seine erste institutionelle Einzelausstellung in Europa unter dem Titel „Verweile doch (ein Abgesang)” präsentiert. Sie bildet den Auftakt des Kooperationsprojekts „Danse macabre”, zu dem sich das Theater Osnabrück, das Felix-Nussbaum-Haus, das Diözesanmuseum und die Kunsthalle Osnabrück zusammengeschlossen haben.

Zorbar, 1977 in Bogota, Kolumbien geboren, absolvierte zunächst ein Bachelorstudium im Bereich Film und Fernsehen und einen MFA in Bildender Kunst. Derzeit setzt er seine Studien an der Kunstakademie Bergen (Norwegen) fort.

Seine Kunstobjekte sind Technikrelikte aus einem analogen Zeitalter: Spieluhren, Kassetten, Tageslichtprojektoren. Es sind Objekte, die in unserer digitalen Welt größtenteils in der Bedeutungslosigkeit versunken sind. Icaro Zorbar rückt sie in den Mittelpunkt seiner Ausstellung und ruft sie uns wieder ins (kulturelle) Gedächtnis. Allerdings treffen wir auf sie in neuer Form und mit nur bedingter Funktionstüchtigkeit.

Zweites Leben als Kunstobjekt

Ob auseinandergebaute Spieluhren oder entkernte Lautsprecherboxen, vor Icaro Zorbar ist kein Apparat sicher. Er baut sie auseinander, erforscht ihr Innenleben und setzt sie in neuen ungewöhnlichen Kombinationen und Funktionen wieder zusammen. Schon als Kind fand er Freude am Auseinandernehmen verschiedener technischer Geräte, stets seinen Großvater beobachtend, wenn dieser die alte Wanduhr reparierte.

Aufgewachsen im analogen Zeitalter erlebte Zorbar die Technisierung und den schnellen Wandel hin zur digitalen Welt in der entscheidenden Phase seines Lebens mit. Den damit einhergehenden Bruch zwischen Vergangenheit und Moderne arbeitet er in seiner Kunst auf, und gewährt von der Gesellschaft aussortierten Gerätschaften eine Renaissance.

Verfremdet kreuzen sie noch einmal unsere Wege, wie Wiedergänger, deren Totenruhe gestört wurde. Im Gegensatz zu den Untoten werden die Technikrelikte aber nicht von bösen Geistern angetrieben – sondern von Menschenhand: viele der Projektionsinstallationen sind „assistenzbedürftig“, das heißt das Publikum darf und soll sie bedienen.

Wie eine alternde Diva, die das letzte Mal das Rampenlicht sucht.

Bedeutungslos gewordene Elektronik kehrt ein ins kulturelle Gedächtnis.

Die bereitliegenden oder an der Wand befestigten Minidrehorgeln, die Bestandteil der poetisch klingenden Installationen „Lied für eine mögliche Liebe“ und „Erster Pluto“ sind, laden dazu ein, ihre Musik erklingen zu lassen. Wenn die Spieluhren dann auf den ausrangierten Overheadprojektoren kreiseln und ihre Schatten an die Wand werfen, scheinen sie sich gegen ihre eigene Vergänglichkeit aufzubäumen, wie eine alternde Diva, die das letzte Mal das Rampenlicht sucht.

Eine leise Melancholie schwingt bei allen Installationen von Zorbar mit. Seine sichtbar gewordenen Auseinandersetzungen mit Zeit, Vergänglichkeit und Alterungsprozessen sind geradezu poetisch in ihrer Nutzlosigkeit, verwehren sie sich doch dem Funktionsgedanken in einer Welt, in der Wert nach Brauchbarkeit bestimmt wird.

Die manifestierte Vergänglichkeit tanzt hier als Staub im Licht der Projektoren oder als Kassettenband im Ventilatorwind zu den Klängen von Vincenzo Bellinis „Dolente Immagine”. Während das Theater Osnabrück die rekonstruierte Fassung von Mary Wigmans Totentanz-Choreografie von 1926 auf die Bühne bringt, hat Icaro Zorbar eine ganz eigene Interpretation des „Danse macabre“ geschaffen.

Zorbars Ausstellung ist ein Memento Mori der Maschinen, die vom technischen Fortschritt zurückgelassen wurden – eine Erinnerung, dass nicht einmal Apparate sich den Alterungsprozessen, denen der Mensch so gänzlich unterworfen ist, entziehen können.

Laura Bottin

> bis 2.4.2017, Kunsthalle Osnabrück
www.kunsthalle-osnabrueck.de

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